Johann van der Kamp berichet aus Südsudan
Johann van der Kamp ist als Regionalkoordinator für den Südsudan zuständig. Sein Blog-Beitrag gibt wenig Grund zur Hoffnung. Hoffnung, die wir hier alle beim Referendum im Januar gehabt haben.
Im südsudanesischen Bahr al-Ghazal sind viele neue Dörfer entstanden, deren Bewohner aus dem Nordsudan in ihre alte Heimat zurückkehrten. Doch die Situation der Menschen ist dramatisch.
Juba, bald Hauptstadt des jüngsten Staates Afrikas, wird für den großen Tag herausgeputzt. Angestrengt werden hier und da an den Hauptstraßen grünes Gestrüpp gepflanzt oder Flächen bewässert, damit am 9. Juli 2011 – dem Tag an dem der Südsudan offiziell seine Unabhängigkeit erlangt – wenigstens etwas grünes Gras zu sehen ist. Die Menschen in den Neusiedlungen für Rückkehrer aus dem Nordsudan werden jedoch auch am 9. Juli nicht viel zu feiern haben. Der lang ersehnte Tag der Befreiung hat zu viel gekostet. Mehr als zwei Millionen Menschen haben während des langen Bürgerkrieges ihr Leben verloren. Getrennte Staaten, endlich Frieden, keine Toten mehr. Von wegen!
Mehr als 800 Haushalte mit durchschnittlich fünf Personen soll es im neuen Dorf Mangar Akot im südsudanesischenBahr al-Ghazal geben. Wir fahren mit einem kleinen Team von Mitarbeitern der Welthungerhilfe, einem Vertreter der Kommission zur Koordination der Nothilfe im Südsudan (SSRRC) und einer deutschen Reporterin in die Siedlung. Auf den ersten Blick wird deutlich, dass die Menschen beinahe nichts haben. Bucay Deng, Landesvertreterin der Welthungerhilfe im Südsudan, erklärt, dass wir gekommen sind, um die bedürftigen Familien zu erfassen. Jede Familie soll eine Plane, Seil, ein Buschmesser, einen faltbaren 10-Liter-Kanister und Chlortabletten bekommen. Die Tabletten reichen, um Wasser für eine fünfköpfige Familie für mindesten sechs Monate genießbar zu machen. Diese sogenannten „Non-Food Items“ sind Teil eines Nothilfeprojektes der Welthungerhilfe, das durch das Deutsche Auswärtige Amt finanziert wird.
Die Mitarbeiter der Welthungerhilfe gehen in Mangar Akot von Hütte zu Hütte.
Zwei wackelige Tische werden aufgetrieben und bald bilden sich zwei Warteschlangen: eine für Frauen und eine für Männer. Die Vertreter jeder Familie können sich hier registrieren lassen. Dann erhalten sie eine kleine Karte, die bei der Verteilung gegen die Hilfsgüter ausgetauscht wird. Doch schnell wird klar, dass die Zuordnung der Menschen zu einzelnen Familien nur auf Grundlage der mündlichen Angaben kaum möglich ist. Das Team setzt sich zur Beratung zusammen und kommt schnell zu dem Schluss: Wir müssen von Hütte zu Hütte gehen. Das wird viel Zeit und Nerven kosten. Wir teilen uns auf und gehen getrennte Wege, um systematisch jede Hütte abzuklappern. Sobald ich den Schatten des großen Baumes verlasse, bricht mir der Schweiß aus. Er wird heute mein ständiger Begleiter.
In den nächsten vier Stunden wird uns das gesamte Leid der Rückkehrer bewusst. Die meisten Menschen aus dem Südsudan sind vom Körperbau her schon dünn und lang, aber was hier in den elenden Hütten zu sehen ist, ist schier unfassbar. Vor allem Frauen sind so abgemagert, dass die Gesichter eingefallen sind. Die Kinder sind sichtbar mangelernährt und viele haben aufgeblähte Hungerbäuche, offene Entzündungen und Ringwürmer. In den meisten Unterkünften sind nur verschlissene Bastmatten zu sehen. Bei denen, die es etwas „bequemer“ haben, stehen Holz- oder Metallbetten – häufig jedoch ohne Matratzen.
Sonst gibt es fast nichts. Und es gibt vor allem nichts zu Essen! Die Diskussionen bei jeder einzelnen Hütte nehmen kaum ein Ende. Die Verzweiflung der Menschen ist groß. Unsere Versuche zu erklären, dass wir nur die ganze Familie registrieren können, verhallen. Mit allen Mitteln versucht jeder, eine Karte von uns zu bekommen. Das geht aber nicht: Es hat keinen Sinn, zwei oder drei Planen abzugeben, wenn eine ausreicht, um die ganze Hütte abzudecken. Natürlich möchten wir allen helfen. Aber wir wissen, dass unsere Hilfsgüter nicht ausreichen, und dass es noch tausende andere Familien gibt, die auf die Hilfe angewiesen sind. Und so ist die Entscheidung bei jeder Hütte knallhart.
Am Ende sind wir sehr müde von den ständigen Vorwürfen, wir hätten jemanden vergessen. Wir bleiben aber dabei, dass nur Besitzer von Karten unsere Hilfsgüter erhalten. Die Stimmung bleibt gereizt und droht zeitweise zu eskalieren. Wir einigen uns darauf, mehrere angeblich ungerechte Entscheidungen nochmals zu untersuchen, und sind noch eine Stunde unterwegs – ohne aber auch nur eine neue Karte auszugeben.
Die Not der Rückkehrer im Südsudan ist groß. Die Menschen brauchen dringend Hilfe.
Mit sehr gemischten Gefühlen kehren wir in unser Lager in Nyamlel zurück. Die Hitze, das Flehen der vielen verzweifelten Menschen, die oft sehr schwierigen Entscheidungen über Helfen oder nicht, hat uns allen zugesetzt. Die Stimmung ist bedrückt. Wir reden über die vielen anderen Orte, die wir noch abdecken müssen. Das Team plagt keine Verzweiflung, aber die unterschwellige Wut über das „Warum“: Warum müssen so viele Menschen hier so leiden und regelrecht verhungern?
Dass die Not im Südsudan groß ist, ist unübersehbar: Überall sind ausgemergelte Menschen, nirgendwo sind Speicher mit Nahrungsmitteln. Hier und da sehen wir, dass die Menschen ihr Saatgut für die kommende Saison essen, weil es nichts anderes gibt. Die Folgen – Ernteausfälle – sind unabwendbar. Hier bahnt sich eine Katastrophe an. Wir sind uns einig, schon jetzt verhungern einige der Rückkehrer, die wir gesehen haben. Sie brauchen dringend externe Hilfe.
Das Fest der Unabhängigkeit wird am 9. Juli gefeiert. Doch die Lage der Rückkehrer wird dramatisch bleiben. Im freien und unabhängigen Südsudan wird es noch viele Tote geben: Denn der Preis für die Freiheit wird mit Menschenleben bezahlt.